Impuls zur Jahreslosung von Pfarrer Ralf Horndasch

Jesus Christus spricht:
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“
(Lukas 6,36)

Hier finden Sie die Predigt zur Jahreslosung ...


Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer,

„Ganz der Vater!“ oder „Ganz die Mutter!“ – nicht in allen Lebensphasen freuen sich Menschen immer darüber, wenn sie mit ihren eigenen Eltern und deren Eigenschaften verglichen werden. Wenn man jung ist, dann will man auch seine eigenen Wege gehen und man muss es ja auch, um ins Leben hineingehen zu können. Solche Vergleiche engen dann ein, machen unfrei.

Doch es kann auch sein, dass man irgendwann – meist mit zunehmendem Alter erkennt - was man selbst mit dem eigenen Vater oder der eigenen Mutter gemeinsam hat. Und das kann manches Mal wie eine Versöhnung sein, ein Ja sagen zu sich selbst und zu den eigenen Eltern.

Die Jahreslosung für dieses Jahr 2021 mutet uns allen solch einen Vergleich zu. Nicht mit unseren Eltern, sondern mit Gott selbst, mit Gott, den Jesus selbst Vater genannt hatte.

Es ist ein Vers aus der Feldrede im Lukasevangelium im 6. Kapitel:
Jesus Christus spricht: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“  (Lukas 6,36)

Hier geht es um eine der Grundeigenschaften Gottes: seine Barmherzigkeit.
Ja, so wird Gott in den alten Psalmen beschrieben: Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. (Psalm 103).

Ein Gott, der allmächtig ist und sich zugleich seiner Menschen annimmt, sich tief herunter beugt. „Herr, unser Herrscher wie herrlicher ist dein Name und was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst.“ (Psalm 8)

Und um die Jahreslosung in ihrer Tiefe zu verstehen, muss man – obwohl es sich um einen Text des Neuen Testaments handelt – beim ersten Testament beginnen.

Beim griechischen Wort „oiktirmon – barmherzig“ muss man zum Verstehen das entsprechende Wort im Alten Testament vor Augen haben. Die hebräische Wurzel racham hat als Verb die Bedeutung „sich jemandes erbarmen“.
Als Substantiv rächäm hat das Wort zwei Bedeutungen, die auf den ersten Blick kaum etwas miteinander zu tun haben: in der Einzahl „Mutterschoß“/“Gebärmutter“, in der Mehrzahl „Inneres“/“Eingeweide“ und zugleich „Barmherzigkeit“/ „Erbarmen“.

Für die hebräische Bibel ist das gar nicht unlogisch: Immer wieder bringt sie Aspekte des menschlichen Lebens mit der Regung von Organen oder Körperteilen zusammen: So steht das Herz für das Denken, die Kehle für die Bedürftigkeit, der Fuß für Kraft.

Im Falle der Barmherzigkeit regt sich also die Gebärmutter. Barmherzigkeit, da schwingen die Gefühle mit, die eine Mutter empfindet, die ihr Neugeborenes zum ersten Mal in den Händen hält. 'Barmherzigkeit' - das ist 'zärtliches Erbarmen'.

Und so lässt sich auch das Verhältnis des himmlischen Vaters zu seinen Kindern, zu uns Menschen am besten beschreiben.

Liebe, das ist die prägende Eigenschaft des Gottes, der nichts anderes vor Augen hat als seine Kinder. Diese Liebe mündet in Barmherzigkeit, die die Grundlage seines Handels ist. Lassen wir uns von der Liebe Gottes inspirieren, dann werden aus Worten Taten. Lieben wir ihn, dann können wir nicht mehr achtlos an unseren Mitmenschen vorbeigehen.

Echtes Mitgefühl fordert immer zum Handeln heraus, und Gott selbst gibt dafür den Anstoß. Das ist die Kernbotschaft der Jahreslosung für 2021: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36). Gott kann darin ebenso als Mutter wie als Vater gesehen werden, und als Elternteil braucht er/sie viel Liebe und Geduld mit den Menschen.

Aber was bedeutet es dann, dass wir barmherzig sein sollen wie Gott selbst? Ist das nicht zu viel verlangt. Seid barmherzig wie Gott – das ist doch eine Überforderung. Deshalb lohnt es sich noch einmal genauer hin zu schauen. So weist Wolfgang Baur, der Vorsitzende der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) darauf hin, dass das Wort ginomai statt mit „seid“ besser mit „werdet“ übersetzt werden sollte.

Also: „Werdet barmherzig“ und nicht „Seid barmherzig“. Denn: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“, damit würde Jesus die Menschen überfordern, meint der katholische Theologe. Übersetze man dagegen ginesthe (so der Imperativ) mit „Werdet“, dann klinge Jesu Aufforderung zum barmherzig werden viel sanfter: „Ihr könnt klein anfangen, ihr könnt's probieren. Man darf sich trauen, es langsam zu lernen.“

Andere Übersetzungen geben den Vers sehr ähnlich, oft wortgleich wieder. Die Gute Nachricht Bibel traut sich, das griechische ginomai tatsächlich mit „werden“ zu übersetzen, die Elberfelder Bibel enthält immerhin eine entsprechende Anmerkung. Nur die Bibel in gerechter Sprache macht einen ganz anderen Vorschlag: „Habt Mitleid, wie auch Gott Mitleid übt“.

Doch Mitleid haben das ist nicht ganz dasselbe wie barmherzig sein? Mitleid, das klingt so ein bisschen von oben nach unten.
Doch das gerade nicht – so hoch Gott über der Erde sein mag, so tief beugt er sich wie gesagt zu uns Menschen und begegnet uns auf Augenhöhe. Barmherzig sein, in dem griechischen oiktirmon schwingt ein Seufzen mit, also eine Empathie. Nicht bloß ein Sehen des anderen, sondern ein Mitfühlen, sich Hineindenken, sich Hineinfühlen in den anderen. Dieses oiktirmon, das ist immer auf Augenhöhe.
Da kommt was in Bewegung – da verändert sich die Welt. Wo Gott mit seiner Barmherzigkeit die Welt berührt, da kommt die Welt in Bewegung.

In einem Lied wird die umgekehrte Richtung so beschrieben:

Wo Menschen sich vergessen,
Die Wege verlassen, Und neu beginnen, Ganz neu,
Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns,
Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.
Wo Menschen sich verschenken,
Die Liebe bedenken, Und neu beginnen, Ganz neu,
Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns,
Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.

Doch den Anfang macht ja Gott selbst – das ist es, was wir an Weihnachten feiern. Gottes Barmherzigkeit, die ihn Mensch werden lässt.
Gottes Barmherzigkeit zu erkennen, das führt eigentlich automatisch dazu, dass ich mich herausgefordert fühle, zu handeln, mich zu bewegen.

Kennen Sie jene Gebilde, bei denen viele Kugeln nebeneinander aufgehängt sind und wenn man eine der Kugeln außen anstößt, dann gibt sie diese Bewegung an die nächste weiter und die an die wieder nächste … Solch ein Stoßpendel kann zum Gleichnis werden für das, was hier beschrieben wird.

Jesus gab Menschen Anstöße und brachte sie damit selbst in Bewegung. Weil Gott handelt, sollt auch ihr handeln. Die Jahreslosung ruft auf zum Tun, zum Handeln und ist eigentlich auch ein Stück Begründung von diakonischer Existenz von Kirche überhaupt.
Werdet barmherzig – beginnt diakonisch zu sehen, zu leben, zu handeln. Und wer sich durch die Jahreslosung 2021 zum Mitfühlen und Handeln anstoßen lassen möchte, hat leider mehr als genug Ansatzpunkte.

Unsere Welt braucht Barmherzigkeit – gegen alles Unbarmherzige, das Kantige, das Harte. Die Konkurrenz wird schärfer, Unterschiede zwischen arm und reich wachsen, und die Differenz zwischen Macht und Ohnmacht wird größer. In unserer Welt werden neue Feindbilder kreiert und das Blöckedenken kommt wieder auf, das lange verschwunden war. Osten gegen Westen – Norden gegen Süden – Arm gegen Reich – die, die hier geboren sind und die, die hergekommen sind.

Was braucht diese Welt denn mehr als Barmherzigkeit?
Egal wie andere leben: „Werdet ihr barmherzig!“ Nicht am Verhalten anderer sollen wir uns orientieren. Auch nicht daran, was für uns selbst dabei herausspringt. Maßgeblich ist allein Gottes leidenschaftliche Barmherzigkeit, die uns durch seine Gnade und Treue „unverdient“ widerfährt.

Ja – und das ist wohl auch unser Auftrag als Christinnen und Christen in unserer Welt – so zu handeln, damit die Menschen an unserem Verhalten Gott selbst erkennen. „Ganz Gott Vater und Mutter – barmherzig!“

Amen