Predigt vom Gottesdienst mit Neuaufnahmen in die Schwesternschaft

In einem festlichen Gottesdienst wurden am Sonntag, 18. Oktober 2020, vier Frauen in die Gemeinschaft Diakonischer Schwestern und Brüder aufgenommen. Wir wünschen den neuen Mitschwestern ein gutes Hineinfinden in die Gemeinschaft, viele segensreiche Begegnungen und stärkenden Austausch. Hier finden Sie die Predigt zum Gottesdienst ...

Gottesdienst mit Neuaufnahmen in die Schwesternschaft

Predigt von Pfarrer Ralf Horndasch

Epheser 4, 22-32 (Neue Genfer Übersetzung)

 

Dann wurdet ihr aber auch gelehrt, nicht mehr so weiterzuleben, wie ihr bis dahin gelebt habt, sondern den alten Menschen abzulegen, der seinen trügerischen Begierden nachgibt und sich damit selbst ins Verderben stürzt. Und ihr wurdet gelehrt, euch in eurem Geist und in eurem Denken erneuern zu lassen und den neuen Menschen anzuziehen, der nach Gottes Bild erschaffen ist und dessen Kennzeichen Gerechtigkeit und Heiligkeit sind, die sich auf die Wahrheit gründen.

Darum legt alle Falschheit ab und haltet euch an die Wahrheit, wenn ihr miteinander redet. Wir sind doch Glieder ein und desselben Leibes! Wenn ihr zornig seid, dann versündigt euch nicht. Legt euren Zorn ab, bevor die Sonne untergeht. Gebt dem Teufel keinen Raum in eurem Leben! Wer bisher ein Dieb gewesen ist, soll aufhören zu stehlen und soll stattdessen einer nützlichen Beschäftigung nachgehen, bei der er seinen Lebensunterhalt mit Fleiß und Anstrengung durch eigene Arbeit verdient; dann kann er sogar noch denen etwas abgeben, die in Not sind. Kein böses Wort darf über eure Lippen kommen. Vielmehr soll das, was ihr sagt, gut, angemessen und hilfreich sein; dann werden eure Worte denen, an die sie gerichtet sind, wohl tun. Und tut nichts, was Gottes heiligen Geist traurig macht! Denn der Heilige Geist ist das Siegel, das Gott euch im Hinblick auf den Tag der Erlösung aufgedrückt hat, ´um damit zu bestätigen, dass ihr sein Eigentum geworden seid`. Bitterkeit, Aufbrausen, Zorn, wütendes Geschrei und verleumderisches Reden haben bei euch nichts verloren, genauso wenig wie irgendeine andere Form von Bosheit. Geht vielmehr freundlich miteinander um, seid mitfühlend und vergebt einander, so wie auch Gott euch durch Christus vergeben hat.

 

Liebe Gemeinde, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

 

der Schriftsteller Ödön von Horvath, 1901 in Susak, Österreich-Ungarn geboren und 1938 in Paris auf tragische Weise gestorben, sagte einmal:

„Ich bin eigentlich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“

Hinter diesem Wort steht die menschliche Erfahrung, dass es in uns immer verschiedene Seiten gibt – die Seite des Seins und die Seite des Sollens.

 

Die Worte aus dem neutestamentlichen Epheserbrief, die uns den Predigttext des heutigen Tages bilden, beschreiben auch das Leben in seiner Unterschiedlichkeit. Da gibt es das Leben vor dem Glauben und das Leben im Glauben. Das Leben vor der Taufe und das Leben in Christus. Beides steht nebeneinander und dazu kommt die Erfahrung, dass das Sein in Christus, das mit der Taufe beginnt, offenbar nicht so stark und prägend ist, dass der neue Mensch auch wirklich da wäre.

Eigentlich bin ich es ja – dieser neue Mensch –, aber es zeigt sich so selten. So könnte man das Wort von Ödön von Horvath abwandeln.

 

Was in der Taufe geschieht, wird hier im Epheserbrief mit einem Bild beschrieben, und zwar mit dem Bild der Kleider. Kleider drücken immer etwas aus und haben eine Bedeutung.

Kleider machen Leute, so sagt man. Und damit ist ja gemeint, dass ein bestimmtes Kleidungsstück ein Bild von einem Menschen vermittelt, das vielleicht gar nicht mit diesem Menschen übereinstimmt.

 

Vielleicht kennen Sie Friedrich Wilhelm Voigt? Er wurde als Hochstapler unter dem Namen Hauptmann von Köpenick bekannt durch seine spektakuläre Besetzung des Rathauses der Stadt Cöpenick bei Berlin, in das er am 16. Oktober 1906 als Hauptmann verkleidet mit einem Trupp gutgläubiger Soldaten eindrang, den Bürgermeister verhaftete und die Stadtkasse raubte. Carl Zuckmayer hat seine Geschichte in dem Theaterstück „Der Hauptmann von Köpenick“ verarbeitet.

Seine Kleidung gab vor, dass er ein anderer sei als der, der er in Wahrheit war.

 

Kleider lassen sich wechseln.  Und Kleider drücken unter Umständen eine Stimmung aus und prägen das Verhalten eines Menschen. Wenn ich am Abend nach Hause komme, schlüpfe ich häufig in meinen Hausdress, leger und bequem, fern von allen Aufgaben und Erwartungen an mich; da kann ich ich sein.

 

Sie, liebe Diakonissen, tragen eine Tracht, die etwas von Ihrer Lebensform und Ihren Werten zum Ausdruck bringen soll. Auch wenn die Diakonissentracht ursprünglich nichts anderes war als die Tracht der verheirateten Bürgersfrau des 19. Jahrhunderts, so steht sie bis heute für eine Lebensform, für eine Lebensentscheidung, die Sie alle getroffen haben. Und die Tracht drückt auch einen Anspruch aus, in bestimmter Weise zu leben.

Die Diakonischen Schwestern und Brüder tragen zwar keine Tracht, doch die Brosche, die man trägt, drückt auch etwas aus – sie macht das, was ich anhabe, sozusagen zu etwas anderem, steht für etwas.

 

Und Sie vier, die Sie heute in die Schwesternschaft als Diakonische Schwestern aufgenommen werden, machen einen Schritt in etwas Neues hinein.

Die Aufnahme in die Schwesternschaft ist nicht die Taufe. Aber es ist ein Neuanfang. Und Neuanfänge bieten immer die Chance, inne zu halten und sich zu fragen: Was war und was kommt? Was wird anders?

 

Der Epheserbrief nimmt das Bild der Kleider auf, um von Verhaltensweisen und Lebensgrundsätzen zu reden. Er spricht davon, dass wir als Christen den alten Menschen, die alten Kleider ablegen und die neuen Kleider anziehen sollen, den neuen Menschen anziehen sollen.

 

Kleidet euch neu ein! Ihr seid schon längst von Gott neu eingekleidet, darum vollzieht diesen Schritt doch auch immer wieder in eurem Leben.

Kleider lassen sich leicht wechseln, liebe Gemeinde, aber unser Leben lässt sich manches Mal gar nicht so leicht ändern. Ja, vielleicht passen uns die alten Gewänder zwar schon längst nicht mehr, aber dennoch schaffen wir es nicht, die alten Kleider abzulegen, weil wir uns eben so an sie gewöhnt haben, weil sie zu uns gehören, beinahe wie eine zweite Haut.

 

Und es ist im wirklichen Leben mit dem Wechsel der Kleider auch viel schwieriger als es bei der Altkleidersammlung ist. Alte Kleider für den Leib, die kann man loswerden im Kleidercontainer. Die alten Kleider der Seele dagegen, die hänge weiter in den inneren Schränken der Seele. Und sie sitzen meist noch wie angegossen.

 

Alte Gewohnheiten – das wissen wir alle –, die sind stark. Die bekommt man nicht so ohne Weiteres los. Was wir als Kinder gelernt und vorgelebt bekommen haben, was wir als Erwachsene vielleicht eingeübt haben, das bleibt.

 

Und hinter der radikalen Veränderung, die hier im Epheserbrief im Blick auf die Taufe beschrieben wird, steht ja immer auch die Frage, ob sich Menschen denn wirklich verändern können.

Können, die, die ungeduldig sind, geduldig werden?
Werden aus denen, die das Flunkern für normal halten, ehrliche und wahrhaftige Menschen werden?

Können die Zornigen friedfertiger werden und die Lästermäuler lernen, zu schweigen und still zu sein?

Oder bleiben wir eh immer die Alten?


Johann Wolfgang von Goethe lässt im Faust den Teufel einmal sagen:

„Du bist am Ende, was du bist.

Setz dir Perücken auf von Millionen Locken.

Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken.

Du bleibst doch immer, was du bist!“

Stimmt dieser teuflische Satz denn vielleicht sogar?

 

An vier Beispielen zeigt der Epheserbrief, was solche alten Kleider sein können, die zum Leben als Christin und Christ nicht mehr passen. Er spricht von Lüge, von Zorn, von Diebstahl und von unnützem Gerede.

 

Und merken wir nicht, wie wir alle immer wieder diese alten Kleidungsstücke ab und zu aus dem Schrank holen? Oder zumindest darum wissen, dass sie eben noch da sind und jederzeit angezogen werden können.

 

Von Anfang an haben sich die ersten christlichen Gemeinden damit beschäftigt, wie sich der Glaube der neuen, getauften Menschen auch im Alltag bewähren und zeigen kann. Wir lesen in den biblischen Texten deshalb auch von Konflikten in der Gemeinde, davon, dass Bedürftige zu wenig Hilfe erfahren haben, und auch davon, dass die ersten Christen mutlos geworden sind.

Ganz realistisch ist der Blick im Neuen Testament darauf. Es geht beispielsweise nicht darum, nicht mehr zornig zu sein. Aber es geht darum, die Kleider des Zorns am Abend ablegen zu können.

„Wenn ihr zornig seid, dann versündigt euch nicht. Legt euren Zorn ab, bevor die Sonne untergeht. Gebt dem Teufel keinen Raum in eurem Leben!“

 

Deshalb erinnert der Schreiber des Epheserbriefes an die neuen Kleider, die wir in der Taufe doch schon angezogen bekommen haben. Und wenn ich die alten Kleider ausziehen will, muss ich loslassen. Um aber loslassen zu können, brauche ich eine Beziehung, die mich trägt und hält. Der Epheserbrief erinnert deshalb an den Gott, der uns schon längst seinen Geist geschenkt hat, der uns mit der Taufe neu eingekleidet hat.

 

So wie früher bei der Taufe die Täuflinge nach der Taufe ein weißes Kleid übergezogen bekamen, so hat uns Gott das neue Kleid geschenkt. Wir müssen und dürfen eben immer wieder im Leben hineinschlüpfen.

 

Wo ich darauf vertrauen kann, dass Gott mein Leben in seine Hand genommen hat, dass er mich in den Mantel seiner Liebe hüllt, da kann ich es auch wagen, die alten Kleider ein Stück zu öffnen und irgendwann auch einmal ganz auszuziehen.

Das alles geschieht nicht mit einem Schlag, sondern braucht Zeit. Doch so kann allmählich Wahrhaftigkeit ins Leben einziehen, wo bisher die Lüge Platz hatte. Und ein Mensch kann es wagen, gemachte Fehler einzugestehen.

 

Ein schönes Bild ist es für mich, liebe Gemeinde, dass ich in neuen Kleidern durchs Leben gehen kann – ein Hoffnungsbild, dass sich mein Leben verändern kann.

 

Und vielleicht kann eine Gemeinschaft wie unsere Schwesternschaft auch immer wieder ein gemeinsames Übungsfeld sein, um so zu leben, wie es uns in der Taufe geschenkt ist. „Geht vielmehr freundlich miteinander um, seid mitfühlend und vergebt einander, so wie auch Gott euch durch Christus vergeben hat.“

 

Dazu sind wir alle eingeladen – hineinzuschlüpfen in die neuen Kleider des Lebens und des Glaubens. Möge Gott uns seinen Geist dazu schenken.

Amen.