Predigten aus der Diakonissenkirche im Stuttgarter Westen

FSJ in der Diakonissenanstalt Stuttgart

Predigt zu Lukas 19, 1- 10
am 13. September 2020
von Pfarrer Ralf Horndasch

Lukas 19,1-10
1 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. 5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. 7 Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. 8 Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. 9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Liebe Gemeinde,

die Geschichte von Jesus und Zachäus gehört zu den Geschichten, die im Religionsunterricht und in der Kinderkirche schon immer erzählt wurden und bis heute erzählt werden.

Und es ist leicht vorstellbar, dass es gerade für Kinder eine Geschichte ist, in der sie sich wiederfinden und mit der sie sich identifizieren. Mit wem? Natürlich mit Zachäus – mit dem kleinen Zachäus.
So sehe ich ihn vor mir: den kleinen Mann Zachäus, jenen Oberzöllner dort in der Stadt Jericho.

„Er war klein von Gestalt…“ ( Lk.19, 3) – und deshalb stieg auf den Maulbeerbaum am Wegesrand, um Jesus zu sehen. Klein – wahrscheinlich ist Zachäus deshalb eine Person, mit der sich gerade die Kleinen leicht identifizieren. Und nicht von ungefähr erzählt der Evangelist Matthäus von Zachäus. Eine solche Geschichte kann nur Lukas schreiben. Er hat ein Herz für die kleinen Leute. Schon in der Weihnachtsgeschichte sind es die kleinen Leute, die Hirten, denen die Botschaft vom Kind in Betlehem als erstes gebracht wird. Und auch bei Zachäus, dem Zöllner, geht es nicht nur um das körperliche Kleinsein.
Er steht am Rande – weil er anders ist – er, der Zöllner.

Zachäus steht stellvertretend für die fremde kaiserliche Besatzungsmacht in Rom. Das Volk lehnt das ihm religiös und politisch fremde System des Eroberers ab und wartet voller Sehnsucht auf den Messias, der das Fremde verjagen und ein Reich gemäß den Inhalten des jüdischen Religions- und Politikverständnisses anbrechen lassen wird.

Aber es ist wie immer: Verhasste Sieger haben ihre Kollaborateure, Menschen, die sich auf die neuen Machthaber einlassen, um persönliche Vorteile zu gewinnen. Denn so lässt es sich für einige gut verdienen. Die Aussicht auf ein gutes Leben in sicherer Position, bei bleibender Funktion drängt religiöse Bindungen und das Bewusstsein
der Volkszugehörigkeit an den Rand. Und zu diesen Kollaborateuren gehört offenbar auch Zachäus – einer, der ganz gut verdient an dem System der Römer, einer, der seine eigenen Überzeugungen über Bord wirft, um zu profitieren, der für sich alles herausholt.

Und so steht er am Rande – oder dann eben auf dem Baum. Dieser Ort auf dem Baum macht im Grunde auch noch einmal deutlich, wie isoliert Zachäus ist. Er steht nicht bei und zwischen den anderen Menschen dort in Jericho.

Wie gesagt – Kinder, die selbst noch klein sind, aber auch all diejenigen, die am Rande stehen im Leben, finden sich in Zachäus wieder. Und er steht für uns alle – nämlich da, wo wir in diesem Gefühl leben, irgendwie nicht dazu zu gehören, wo wir nicht eins sind
mit uns und unserem Leben. Der Name Zachäus steht für ein Leben in Brüchen und Widersprüchen.

Zachäus steht auch für das immer mehr, das wir auch aus unserer Welt und unserem Leben kennen.

Aber wie gesagt – wo wir im Hören dieser Geschichte den Weg mit Zachäus gehen, wo wir mit ihm auf den Baum steigen und von Jesus angesprochen werden- da geht es nicht nur um die Themen des Geldes oder des Kleinseins, sondern darum, dass Zachäus einer von uns ist,
einer, der wie ich die Sehnsucht in sich trägt, dazu zu gehören und ein Zuhause zu haben. Einer, der sich wünscht, gesehen und wahrgenommen zu werden.

Weshalb wollte Zachäus Jesus eigentlich sehen? Darüber ist im Text direkt nichts ausgesagt. Doch wenn ich mir überlege, was Zachäus denn gesucht haben könnte, so denke ich: er sucht einen, der ihn ansieht, ohne gleich an all das zu denken, was er an Zwielichtigen getan hatte. Er hatte den Wunsch, als Mensch angenommen und geachtet zu werden. Und er will das Elementarste, was es gibt: mit Augen sehen, wer und was dieser Jesus ist.

Wenn man sich vorstellt, was es denn bedeutet hat, auf diesen Baum zu steigen! Er, eine stadtbekannte Größe, gab sich eigentlich der
Lächerlichkeit preis. Was hat ihn gegen alle Etikette getrieben, auf einem dünnen Ast Platz zu nehmen? Was hat den Akteur, der er üblicherweise im Tagesgeschäft war, dazu gebracht, Zuschauer aus ungewohnter und ungewöhnlicher Perspektive zu werden? Neugierde allein kann es nicht gewesen sein.

Die Antwort auf diese Fragen gibt allein die Geschichte selbst. Es ist nämlich die Geschichte einer Begegnung zwischen zwei Menschen, die ganz verschiedene Wege gegangen sind und auch später auf verschiedenen Wegen bleiben.

Ist die Geschichte zunächst von Zachäus, seinem Beruf und Begehren bestimmt, so geht die Initiative später auf den über, den Zachäus sehen wollte. Zachäus wird von Jesus entdeckt, gesehen - und angesprochen. Jesus spricht ihn mit seinem Namen an. Er bietet ihm damit persönliche Begegnung an.

„denn ich muss heute in deinem Haus einkehren“ – sagt Jesus. In einer Grundschulklasse fragte die Lehrerin. „Was meint ihr, warum Jesus zu Zachäus wollte?“ Und einer der Schüler antwortete: „Weil Jesus wissen wollte, wie der lebt. Was der für Gardinen hat und was für eine Frau.

Auch wenn man über diese Antwort vielleicht ein wenig schmunzelt – deutlich wird, dass die Botschaft, die bei den Kindern angekommen war, die war: Jesus interessiert sich für die Menschen, für ihr Leben, für ihren Alltag. Und Jesus interessiert sich nicht aus Neugier, sondern aus Interesse.

Damit reißt Jesus Zachäus zugleich aus seiner Zuschauerrolle heraus und stellt ihn in eine Entscheidungssituation. Er bietet ihm Gemeinschaft an, indem er sich selbst bei ihm einlädt. Er bietet sich ihm also an. Dies muss so sein, wenn sich Zachäus aus seiner Lage befreien lassen und wenn er seine Lage verändern will.

Zwei Suchbewegungen treffen sich sozusagen – Jesus, der sucht – der die Menschen da aufsucht, wo sie leben. Jesus wird in den Evangelien immer als einer geschildert, der auf Menschen zugeht. Und Zachäus, der Jesus sucht.
Die Geschichte des Zachäus ist also nicht nur die Geschichte eines reuigen Sünders. Es ist die Geschichte eines jeden Menschen, der im Leben sucht. Nach Heil, nach Glück, nach Ganzsein, nach Liebe.

Der Dichter Günter Kunert schreibt: „Ich bin ein Sucher eines Weges, zu allem, was mehr ist als Stoffwechsel, Blutkreislauf, Nahrungsaufnahme, Zellenverfall. Ich bin ein Sucher eines Weges, der breiter ist als ich.“

Kennen Sie aus ihrem Leben auch solche Suchwege?

Wo Sie sich fragen oder gefragt haben: gibt es über und neben dem, was mein Leben und meinen Alltag ausmacht ein Mehr? Hat das, was ich tue, im Beruf, in meiner Familie denn einen Sinn, der weiter trägt als bis zum nächsten Tag, zum nächsten Monat, zum nächsten Jahr.
Was hat mein Tun denn mit meinem Innersten zu tun? Es ist die Suche nach dem, was mich trägt. Jesus geht in das Haus des Zachäus- das ist ein Bild für die tiefe Begegnung – so wie die Tischgemeinschaft Jesu mit Zachäus dafür steht, dass er bei ihm angekommen ist.
Die Begegnung mit diesem Jesus befreit Zachäus; denn es ist ein bedingungsloses Angenommenwerden.
Er will ein neues Leben beginnen, weil ihm der Sinn eines anderen Lebens leibhaftig begegnet ist.
Die dramatische Jesusbewegung revolutioniert sein Selbstverständnis und seine Alltagspraxis. Sie öffnet ihm die Augen über das Unrecht, das er in der Vergangenheit getan hat: „Was ich gewaltsam erpresst habe, gebe ich vierfach zurück.“ Er ist schockiert über das, was er in der Vergangenheit angerichtet hat. Im Lichte des Neuen erkennt er das Brutale des Alten.

Das Entscheidende nun an der Geschichte des Zachäus liegt in folgendem: Zachäus wird von Jesus nicht in seine Nachfolge berufen, die mit der Aufgabe seines Berufes verbunden gewesen wäre, auch wird von ihm nicht ein Leben ohne Besitz erwartet. Vielmehr beschließt er angesichts der Begegnung mit Jesus - in freier Entscheidung -, nicht mehr in seinem Beruf erpresserisch und ausbeuterisch tätig zu sein, sondern sich berufsgerecht und gesetzestreu zu verhalten und aus seinem Verdienst jeweils die Hälfte den Armen zu geben. Er will also ein anderes Leben führen, nicht ein ganz anderes. Es handelt sich also um eine Verhaltensänderung im überkommenen System, kein Aussteigen aus dem System überhaupt oder alternatives Aufrichten eines ganz anderen Systems.
Wie gesagt: für mich steht diese Geschichte von Zachäus nicht nur für das Thema Geld und Ausbeutung oder Betrug, den einer begeht. Sondern er erzählt von einer Begegnung eines Menschen mit Jesus und davon dass diese Begegnung diesen Menschen verändert- ohne dass er gleich Prediger oder Jünger wird. Zachäus steht für die Menschen, die ihren Beruf ausüben, für alle Werktätigen.
Darum kann es gehen: seinen Beruf sach- und menschengerecht auszuüben. So wie Zachäus sagt: ich will meinen Besitz teilen… könnte es für einen anderen heißen: ich will in meinem Beruf den Menschen nicht übersehen – wie Jesus den Blick für mich hat, auch für andere einen Blick haben.
Oder für eine andere könnte es heißen: die Menschen, für die ich in meinem Beruf als Mitarbeiterinnen verantwortlich bin, die haben Ecken und Kanten und Brüche und Widersprüche wie ich auch – ich will gute Wege mit ihnen gehen und Lösungen suchen.
Um ganz alltagspraktische Dinge und Veränderungen wird es dann manches Mal gehen, wenn Jesus zu Gast ist.
„Ich bin ein Sucher eines Weges, der breiter ist als ich.“ – so formulierte Günter Kunert – ich wünsche uns, dass wir diesen Weg finden – den Weg, der breiter und tiefer ist als die vordergründige Realität unseres Alltags.
Möge Jesus auch uns finden und bei uns zu Gast sein, damit wir unser Zuhause in ihm finden.

Amen