"Frieden suchen – Frieden finden" - Predigt vom 26. Juli 2019

"Frieden suchen – Frieden finden" – mit diesen Stichworten sind wir in den verschiedenen Kirchen des Stuttgarter Nordens und Westen und in der Evangelischen Diakonissenanstalt in diesem Sommer mit unserer Predigtreihe unterwegs.
Eine große Suchbewegung – die sich hoffentlich lohnt. Denn Frieden muss in unserer Welt immer wieder gesucht werden. Er scheint allzu oft verloren gegangen zu sein, in den Alltäglichkeiten, die einem vorgaukeln, dass anderes so wichtig ist und in den Interessen Einzelner, die den Frieden gefährden.

 
 

Predigt zu Genesis 13, 1-12 im Rahmen der Predigtreihe "Frieden suchen – Frieden finden"

Von Pfarrer Ralf Horndasch


Liebe Gemeinde,

„Frieden suchen – Frieden finden“ – mit diesen Stichworten sind wir in den verschiedenen Kirchen des Stuttgarter Nordens und Westen und in der Evangelischen Diakonissenanstalt in diesem Sommer mit unserer Predigtreihe unterwegs.
Eine große Suchbewegung – die sich hoffentlich lohnt.
Denn Frieden muss in unserer Welt immer wieder gesucht werden. Er scheint allzu oft verloren gegangen zu sein, in den Alltäglichkeiten, die einem vorgaukeln, dass anderes so wichtig ist und in den Interessen Einzelner, die den Frieden gefährden.

Frieden suchen – Frieden finden – das bedeutet auch, immer wieder danach zu fragen, wie ich selbst Frieden stiften kann. Wie kann ich Frieden stiften, bevor der Frieden stiften geht und abhandenkommt?
Es geht also auch um Beispiele für Friedensstifter. So steht im Predigttext des heutigen Sonntags ein Mann im Mittelpunkt, der durch sein Verhalten dafür gesorgt hat, dass der Frieden erhalten bleibt. Es ist Abraham, jener Stammvater des Volkes Israel, von dem uns im ersten Buch Mose erzählt wird.
Er hat in einem Konflikt mit seinem Neffen Lot eine interessante Lösung der Friedensstiftung vorgeschlagen. Hören Sie selbst:

Genesis 13, 1-12

1 So zog Abram herauf aus Ägypten mit seiner Frau und mit allem, was er hatte, und Lot mit ihm ins Südland.
2 Abram aber war sehr reich an Vieh, Silber und Gold.
3 Und er zog immer weiter vom Südland bis nach Bethel, an die Stätte, wo zuerst sein Zelt war, zwischen Bethel und Ai,
4 eben an den Ort, wo er früher den Altar errichtet hatte. Dort rief er den Namen des HERRN an.
5 Lot aber, der mit Abram zog, hatte auch Schafe und Rinder und Zelte.
6 Und das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten; denn ihre Habe war groß und sie konnten nicht beieinander wohnen.
7 Und es war immer Zank zwischen den Hirten von Abrams Vieh und den Hirten von Lots Vieh. Es wohnten auch zu der Zeit die Kanaaniter und Perisiter im Lande.
8 Da sprach Abram zu Lot: Es soll kein Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder.
9 Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken.
10 Da hob Lot seine Augen auf und sah die ganze Gegend am Jordan, dass sie wasserreich war. Denn bevor der HERR Sodom und Gomorra vernichtete, war sie bis nach Zoar hin wie der Garten des HERRN, gleichwie Ägyptenland.
11 Da erwählte sich Lot die ganze Gegend am Jordan und zog nach Osten. Also trennte sich ein Bruder von dem andern,
12 sodass Abram wohnte im Lande Kanaan und Lot in den Städten jener Gegend. Und Lot zog mit seinen Zelten bis nach Sodom.

Abraham und seine Sippe ziehen aus Ägypten herauf mit ihren Kleinviehherden, mit Ziegen und Schafen. Diese Tiere sind zwar genügsam, doch um auf den abgeernteten Feldern genügend Nahrung zu finden, dürfen es dennoch nicht zu viele Tiere auf einer Fläche Land sein. Diese Kleinviehnomaden wie Abraham und Lot ließen ihre Herden in Absprache mit den Bauern eben auf den Feldern grasen.

Das Problem, das zwischen Abraham und seinem Neffen Lot, der mit ihm unterwegs war, entstand, ist im Grunde beinahe so etwas wie ein Luxusproblem. Denn Abraham war offenbar zu Reichtum gekommen in Ägypten. Reichtum, der sich eben in der Größe seiner Viehherden ausdrückt. Doch dieser Reichtum birgt eben das Problem in sich, wie denn alle Tiere genügend Nahrung finden können dort im Bergland von Judäa.

Es war sicher eine bittere Erkenntnis: Es reicht nicht für beide Sippen, für die Sippe des Abram und die Sippe des Lot. Der Reichtum führt zu einem Konflikt.
„Und das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten; denn ihre Habe war groß und sie konnten nicht beieinander wohnen. Und es war immer Zank zwischen den Hirten von Abrams Vieh und den Hirten von Lots Vieh.“ (Genesis 13, 6 und 7)

Wie geht man mit solch einem Konflikt um? Ist das, was Abram hier tut, das berühmte Prinzip: Der Klügere gibt nach?
Ja, ein Stück weit schon, doch für mich ist etwas anderes wichtig an dieser Erzählung, nämlich die Klarheit und Nüchternheit mit der das Thema angegangen wird.

Um Frieden zu finden, Frieden zu machen und zu bewahren, geht es nicht in erster Linie darum, die Harmonie zwischen mir und dem anderen Menschen zu beschwören. Der Ratschlag: Vertragt euch miteinander, ist zwar gut gemeint, aber unter Umständen gar nicht das, was zu einer guten und dann friedlichen Lösung führt. Damit Frieden werden kann, braucht es tatsächlich immer wieder auch Klarheit und Nüchternheit, die die Dinge beim Namen nennt. Ich muss sagen: So ist es! Schau hin!

In unserer Welt müssen wir auch heute klar benennen, wo der Friede dieser Welt durch ökonomische Faktoren und Machtinteressen gefährdet ist. In unserer Gesellschaft geht die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander. Und die Gefahr, dass irgendjemand versucht, die Neidkarte auszuspielen, ist immer wieder groß. Da wird die Angst geschürt, es könnte nicht für alle reichen und Menschen werden gegeneinander aufgewiegelt.
Wie gesagt: es hilft nichts, die Probleme unter den Teppich zu kehren.
Das hilft weder im Großen noch im Kleinen.

Abram sieht, was Sache ist – er sieht es offenbar nüchtern und klar. Es reicht nicht für uns alle!

Und es wird in diesem Fall von Abram eine interessante Lösung der Friedensstiftung vorgeschlagen: nämlich die Trennung.

Frieden durch Trennung, ist das wirklich die richtige Möglichkeit? Ist dies nicht eine Scheinruhe, die da entsteht, wenn die Fäuste nicht mehr schlagen können, aber in der Tasche geballt bleiben?
Trennung bedeutet für uns oft: Unfriede, da werden Unterschiede festgeschrieben, Vorurteile womöglich gefördert und Versöhnung doch zunächst ausgeschlossen.
Trennung – da schwingen Begriffe mit wie Gettobildung, Apartheid, Ausgrenzung oder Selektion. All das sind Begriffe, die mit Trennung
verbunden sind und die keinen Frieden bringen. Die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts stellt uns dabei Leidvolles vor Augen: Juden wurden separiert, angefangen vom Judenstern, über die Reichsprogromnacht bis hin in die Vernichtungslager von Auschwitz, Buchenwald, Maidanek und den vielen anderen KZ`s, die es gab. Ausgrenzung erlebten die, die von Deutschen verschmäht wurden und später als Racheakt die Deutschen, die ihre angestammt Heimat verlassen mussten. Trennung – das heißt heute: die, die zu uns geflüchtet sind, die gehören eigentlich nicht hier her. So sagen es manche.

Wir sehen: durch Trennung entsteht immer wieder kein Friede.
Unser Bild des Friedens ist geprägt von Annäherung, Verständnis, Versöhnung, Gemeinschaft, von Überwindung von Trennung. Wo das geschieht, da lebt der Friede, da blüht etwas auf.

Was wäre aber, wenn folgender Satz Wahrheit hätte: es ist zu trennen, was nicht zusammengehört? Es gibt doch im menschlichen Zusammenleben Gegebenheiten oder Umstände, die getrennt werden oder bleiben müssen, die nicht zusammengehören, weil die Natur der Dinge es verlangt oder die Umstände es gebieten ... um des Friedens willen.

Das betrifft Trennungen im persönlichen Bereich genauso wie im großen politischen Bereich. Es gibt Situationen, in denen zunächst Trennungen nötig sind, um Frieden zu stiften, auch wenn wir den Zustand sicher nicht Frieden nennen können. Partner, die so nicht mehr zusammenleben können und sich trennen –ein Weg zum Frieden.

Abram und Lot sie haben sich getrennt, weil sie nicht mehr zusammenleben konnten. Sie haben den Frieden der Trennung gesucht, weil der Frieden des Zusammenlebens gefährdet war. Sie haben den Frieden gesucht, indem sie die friedliche Trennung bewusst angegangen sind.

Dazu muss man natürlich bereit sein, auch die Situation genau in den Blick zu nehmen. Frieden stiften kann man nur, wenn man die Lebenssituation so wahrnimmt, wie sie ist. Bei Abraham und Lot war es so, dass nicht der unterschiedliche Reichtum die beiden auseinandergebracht hat, sondern die segensreiche Entwicklung des Viehbestandes. Abram sieht den Unfrieden kommen, nicht weil die Menschen so unfriedlich sind, sondern weil die Lebensumstände sich gewandelt haben.

Und nun geht er hin und will Frieden stiften, bevor er zerstört wird. Und er tut dies, indem er sagt: wir müssen uns trennen. Wohin willst du gehen? Wenn du nach rechts gehst, gehe ich nach links, gehst du nach links, gehe ich nach rechts.

Die Lösung des Problems wird nicht auf dem Hintergrund eigensüchtiger Gewinninteressen gesucht, nicht das beste Stück Land, nicht die reichsten Wasservorräte lassen hier den Vorschlag erwachsen, sondern es ist der Wunsch nach einem uneigennützigen Frieden. Wo findet man derartige Uneigennützigkeit im Blick darauf, den Frieden zu stiften? Die Friedensverhandlungen im Nahen Osten oder auch die Auseinandersetzungen in Syrien oder dem Irak, die immer wieder aufflammen bieten da ein ganz anderes Bild und auch viele Trennungsauseinandersetzungen in Partnerschaften sind sich immer wieder von der Eigennützigkeit geprägt.

Abram konnte diesen Weg gehen, weil er ein großes Vertrauen besaß, ein Vertrauen, das ihm sagte: ich brauche mich nicht zu sorgen um meine Zukunft, für die ist gesorgt - durch Gott. Er vertraut der Verheißung, die er am Anfang des Weges erhalten hat: ich führe dich in ein Land wo Milch und Honig fließen. Abraham hatte nichts mehr als diese Worte, er hatte keinerlei konkrete Vorstellung wohin es gehen wird, er konnte also gar kein falsches Spiel mit Lot spielen. So konnte er eben auch gelassen bleiben, ohne Angst wahrnehmen, wie die gemeinsame Lebenssituation ist.
Er hat es dann so umgesetzt, dass er mit Lot das Gespräch über das gesucht hat, was ist.

Wer Frieden stiften will muss reden, muss ins Gespräch kommen, muss über seine Sicht der Dinge Rechenschaft ablegen. Streit kann nicht überwunden werden, wenn nicht alle über die Sicht der Dinge Bescheid wissen, wenn nicht Unterschiede in der Sichtweise offen auf dem Tisch liegen. Das kostet Zeit, das kostet Kraft und Geduld, aber wer Frieden stiften will, kann nicht alleine entscheiden.

Frieden mit anderen geht eben nur mit den anderen und nicht ohne sie. Das ist etwas ganz wichtiges, dass wir miteinander reden, vor allem dann wenn Streit im Anmarsch ist, wenn Unfriede sich auszubreiten droht. Meistens ist es ja nicht so, dass wir miteinander reden, sondern übereinander. Wir wissen alles immer besser über den anderen, teilen dies auch frohgemut weiter und merken oft gar nicht wie sehr wir damit Unfriede säen.

Es muss darum gehen, dass beide Seiten nach der Wahrheit fragen und daraus Lösungen entwickeln. Das bedeutet Selbstkritik,

Wahrnehmen und Eingeständnis von Fehlern und Schuld und es bedeutet auch den Eigennutz beiseite zu schieben. Das betrifft die Geschichte unseres Volkes genauso, wie die ganz persönliche Geschichte des Unfriedens in unserem je eigenen Leben.
Friedensstiftung mit Trennung dessen, was sich nicht verträgt.

Abrams Weg der Trennung ist ein besonderer. Er nimmt Lot die Angst vor der Zukunft, indem er ihm die Wahl lässt. Abraham will keinen Vorteil durch den Frieden, er will einen Frieden bei dem es keinen Unterlegenen gibt. Gehst du nach rechts, geh ich nach links, gehst du nach links, geh ich nach rechts. So lautet sein Angebot. Abraham kann dies so sagen, weil er ohne Angst vor der Zukunft lebt, weil er eine Hoffnung in sich trägt, die weiter reicht, als menschliches Denken vermag.

So wird Abraham zum Segensstifter, so wie Gott es ihm gesagt hat: du sollst ein Segen sein. Frieden stiften, bevor er stiften geht, das heißt also: für den anderen und mit dem anderen segensreich handeln, das heißt die alten Wege mal verlassen und über seinen Schatten springen und neu beginnen.
Den Himmel auf Erden werden wir Menschen nicht schaffen – aber wo wir zu solchen Friedenstiftern werden wie Abram, da wird der Himmel die Erde berühren.

Amen.