Gelegenheiten zum Freuen kommen von selbst

Geistiger Impuls - Die Schönheit der Natur lässt sich jeden Augenblick aufs Neue entdecken. Selbst in den kleinsten Dingen sind natürliche Kunstwerke zu finden – ob in einer zarten Blüte, einem perlenden Tautropfen oder einem schlichten Stein. Es macht Lust innezuhalten, sich die Zeit zum Schauen zu nehmen und der Natur auf neue Weise zu begegnen.

„Wer noch staunen kann, wird auf Schritt und Tritt beschenkt.“
Oskar Kokoschka

Staunen über die Schöpfung und Freude an der Natur, das ist in Psalm 111 so ausgedrückt: „Groß sind die Werke des Herrn, kostbar allen, die sich an ihnen freuen.“ In einem Psalm unserer Tage formuliert ein Christ aus Westafrika seinen Dank so: „Herr, ich werfe meine Freude wie Vögel an den Himmel … Ein neuer Tag, der glitzert und knistert, knallt und jubiliert von deiner Liebe. Jeden Tag machst du, Herr, Halleluja!“ Welch ein Morgen, welch ein Tag, welche Fülle des Lebens. Wer so das Licht des neuen Tages betrachtet, empfindet Freude und Dank.

Oder wie der Theologe Karl Barth sich ausdrückte: „Sich freuen heißt: ausschauen nach herbeikommenden Gelegenheiten zur Dankbarkeit.“ „Ausschauen“ und „sich freuen“ – für mich sind es zwei Schlüsselbegriffe, die im Alltag von unendlich großer Bedeutung sind.
Ausschauen heißt: Ausschau halten nach etwas. Wenn ich Ausschau halte, dann sehe ich von mir selbst ab. Ich wende mich von mir weg und etwas oder jemandem anderen zu. Ich schaue aus mir heraus, bleibe nicht nur bei mir selber. Sich freuen bedeutet also zunächst einmal wahrnehmen, was mir begegnet. Das kann ein liebevoller Blick sein, ein freundliches Lächeln, ein Händedruck. Es kann ein intensives Gespräch sein, die Zeit, die sich jemand für mich nimmt, eine Bemerkung, die wirkliches Interesse zeigt, ein Satz wie: „Schön, dass es dich gibt.“ Nur wenn ich ausschaue, bewusst wahrnehme, wird mir keine von diesen großen und kleinen Freuden entgehen, die mir entgegengebracht werden.


 


Sich freuen heißt: ausschauen nach herbeikommenden Gelegenheiten.“ Gelegenheiten zum sich Freuen kommen von selbst. Ich kann sie nicht erzwingen oder gar machen, so wenig wie ich Liebe und Freundschaft erzwingen und machen kann. Beides wird mir geschenkt oder fällt mir zu. Es ist lohnend, sich nicht die Ärgernisse des Tages zu merken, sondern ein paar Stunden lang nur darauf aufzupassen, wo überall eine kleinere oder größere Freude für mich versteckt ist.

Noch etwas gibt es, das herbeikommt, das ich nicht erzwingen kann und was doch immer wieder ein Anlass zur Freude ist. Ich meine damit jeden neuen Tag, der einem geschenkt wird.

Carmen Treffinger
Oberin der Evangelischen Diakonissenanstalt